DAS RÄTSEL BASAROW. IWAN TURGENJEW: “VÄTER UND SÖHNE”, SEIN BERÜHMTER ROMAN, NEU ÜBERSETZT - UND NEU GELESEN

Abstract


Die Neuübersetzung des Romans “Väter und Söhne” von Ganna-Maria Braungardt weckt neues Leserinteresse für Turgenjews berühmten Roman und lässt ein längst bekanntes Werk zu einer Neuerscheinung auf dem deutschen Buchmarkt werden. Wie gesellschaftliche Verhältnisse das Literaturverständnis beeinflussen, wird in diesem Artikel vor allem am Beispiel der Gestalt Basarows untersucht, die inzwischen schon mehr als ein Jahrhundert Literaturwissenschaftler, Kritiker und Leser fasziniert. Die Interpretation Basarows als Revolutionär hatte in der Literaturwissenschaft der DDR auch ideologische Gründe. Ein in Wirklichkeit vielschichtiger Roman wurde unter erzieherischem Gesichtspunkt auf einen einfachen Nenner gebracht. Dabei fasziniert die Gestalt Basarows doch gerade durch ihre Widersprüchlichkeit. Auf subjektive Weise, in Form einer essayistischen Betrachtung wird die aktuelle Bedeutung des Romans herausgearbeitet. Bezüge stellen sich insbesondere zum Generationenkonflikt in der heutigen Konkurrenzgesellschaft her. Ein fiktives Gespräch mit Turgenjew selbst beschließt den Artikel.

“‘Nun, Pjotr, ist noch immer nichts zu sehen?‘, fragte am 20. Mai 1859 ein Herr von etwas über vierzig Jahren, der, in einen staubbedeckten Mantel und karierte Hosen gekleidet, ohne Kopfbedeckung auf die niedrige Freitreppe eines Kruges an der‚ schen Chaussee hinaustrat. Der Diener, dem diese Frage galt, war ein junger, pausbäckiger Bursche mit weißblondem Flaum am Kinn und kleinen schläfrigen Augen”. So begann “Väter und Söhne”, Iwan Turgenjews wohl bekanntester Roman in der Übersetzung von Werner Bergengruen [3. S. 5]. Bei Ganna-Maria Braungardt, die das Werk jetzt neu ins Deutsche brachte, heißt es so: ‚Was ist, Pjotr, noch nichts zu sehen?‘, fragte am 20. Mai 1859 ein Herr von etwa über vierzig, der in einem staubigen Mantel, karierten Hosen und ohne Mütze auf die niedrige Vortreppe eines Ausspannhofs an der ***Chaussee trat, seinen Diener, einen jungen Mann mit runden Wangen, weißlichem Flaum am Kinn und trüben Äuglein“ [4. S. 9]. Obwohl die frühere Übersetzung nicht unbedingt einer Revision bedurfte, hat Braungardt dem Werk, ohne etwas sprachlich zu “modernisieren”, mehr Frische, Lebendigkeit, Schwung gegeben. Bei aller Werktreue zielte sie auf gute Lesbarkeit. Doch nicht der Vergleich zweier deutscher Fassungen soll Gegenstand dieses Textes sein, sondern Veränderungen in seinem Verständnis. Was allerdings zur Voraussetzung hat, dass ein berühmtes Werk auch wieder gelesen wird. Durch die neue Übersetzung konnte “Väter und Söhne” auf dem deutschen Buchmarkt als Neuerscheinung angeboten werden. Darin besteht der größte Gewinn, dass der Roman durch Buchhandel und Literaturkritik wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt und Lesern nahegebracht werden kann. 20. Mai 1859: Nikolai Petrowitsch Kirsanow erwartet seinen Sohn Arkadi Kirsanow, der mit 23 sein Studium beendet hat. Aus der Universität von St. Petersburg kommt er zurück in sein Elternhaus auf dem Land. Er hat seinen Freund mitgebracht, zu dem er aufblickt, dem er gefallen möchte. Dieser Jewgeni Basarow, angehender Arzt, verletzt allerdings alle guten Manieren und nutzt jede Gelegenheit, seine Gastgeber zu brüskieren. Herablassend urteilt er über Arkadis Vater Nikolai, der ein eher liberaler Gutsbesitzer ist und freundlich versucht, familiäre Harmonie zu wahren. Mit Arkadis Onkel gerät er dann schrecklich aneinander. Denn Pawel Kirsanow, elegant gekleidet, ein “Aristokrat alter Schule”, ist ein Verteidiger tradierter Werte. “Liberalismus, Progress, Prinzipien” - voller Hohn spricht Basarow diese Worte aus. “In dieser Zeit ist Ablehnung das Nützlichste - also lehnen wir ab”. - “Alles?”, fragte Pawel Kirsanow. - “Alles”. - “Nicht nur die Kunst, die Poesie, … sondern auch … ich scheue mich, es auszusprechen…” - “Alles” [4. S. 73]. Ungerührt, “mit unbeschreiblichem Gleichmut” [4. S. 73], heißt es bei Turgenjew, ja sogar mit Genuss, tritt Basarow alles, was seinem Gegenüber lieb und teuer ist, in Grund und Boden. Und darüber hinaus: Jeglichen Wertvorstellungen erteilt er eine Abfuhr, die nicht nur Pawel Kirsanows Leben bestimmten. Und nach des Autors Willen wird die Ungehörigkeit hingenommen, darf sich der junge Mann über den älteren erheben und, zumindest verbal, sein ganzes Leben zunichtemachen. So wie die Anwesenden bei Tisch schockiert waren über Basarows Reden, hat er über die Jahrhunderte Leser und Literaturkritik fasziniert. Jewgeni Basarow ist für viele Leser gleichsam zur Hauptfigur des Romans geworden, was eigentlich ungerecht ist, weil da noch zwei Elternpaare und zwei sehr interessante junge Frauen sind. Aber es war wohl dieser junge Mann, für den sich Turgenjew am meisten interessierte. Mit dem Titel “Väter und Söhne“ (im Original “Otzy i deti”) verwies der Schriftsteller auf einen Generationenkonflikt, der schon zu seinen Lebzeiten als Gesellschaftskonflikt verstanden wurde. Turgenjew, der ein Adliger und zugleich ein Befürworter von Reformen nach westeuropäischem Vorbild war, hat sich mit seinem Roman sehenden Auges zwischen zwei Feuer begeben. Welcher Widerstreit! Die einen kritisierten ihn, weil er einem “Nihilisten”, einem Gegner der herrschenden Ordnung, so ausführlich das Wort erteilte, die anderen zürnten, weil sie sich in Basarow nicht wiedererkannten. Seine Idealisierung sollte indes nicht lange auf sich warten lassen. Dabei hatte Turgenjew in Basarow zunächst nur einen interessanten Charakter gesehen. Das erklärt er in seinem Aufsatz “Aus Anlaß von Väter und Söhne” (1868/69): “Mehrfach hörte ich, beziehungsweise las ich in kritischen Artikeln, daß ich in meinen Werken‚ von eienr Idee ausgehe ‘oder‚ eine Idee verfolge‘; manche lobten mich dafür; andere hingegen tadelten mich; ich meinerseits muß gestehen, daß ich niemals versucht habe, eine ‚Gestalt zu schaffen‘, wenn ich als Ausgangspunkt neben einer Idee nicht auch eine lebende Person hatte, zu der sich nach und nach passende Elemente hinzugesellten”. Als Vorlage für Basarow, so der Autor, habe “die ungewöhnliche Person eines jungen Provinzarztes” gedient. “In diesem bemerkenswerten Menschenverkörperte sich für mich jenes unausgereifte, noch gärende Neue, das später die Bezeichnung Nihilismus erhielt. Der Eindruck, den diese Persönlichkeit auf mich machte, war sehr stark, aber nicht ganz faßbar…” [3. S. 280]. In diesem Text kommt in Bezug auf Basarow auch der Begriff “neuer Mensch” vor, der später zur Rechtfertigung einer eindimensionalen Deutung des Werkes herhalten musste. Bei Turgenjew indes ist doch der Kontrast “alter Mensch” mitzudenken. Er sieht, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert, begreift, dass dies auch sein muss, ist sich aber nicht sicher, wohin es führt und ob er es gutheißen kann. Die “Herren Kritiker” hätten überhaupt keine rechte Vorstellung, “was sich in der Seele eines Autors abspielt”, schrieb er in besagtem Aufsatz. Sie wüssten “zum Beispiel nichts von jenem Genuss, von dem Gogol spricht und der darin besteht, über sich selbst, über die eigenen Mängel in den gezeichneten, erdachten Gestalten zu Gericht zu sitzen; sie sind fest überzeugt, dass ein Autor nichts anderes im Sinn hat, als ‚seine Ideen‘ durchzusetzen; sie wollen nicht glauben, daß es das größte Glück für einen Literaten ist, die Wahrheit, die Realität des Lebens genau und eindrucksvoll wiederzugeben, selbst wenn sich diese Wahrheit nicht mit den eigenen Sympathien deckt…” [3. S. 282]. Die Turgenjewschen Erklärungen sind in der Ausgabe von 1985 mit abgedruckt, was allerdings den Nachwortautor Gerhard Dudek nicht daran hinderte, den Roman auf “eine Idee” zu reduzieren: “Wie kaum bei einem anderen Werk der Weltliteratur ist im Roman ‚Väter und Söhne‘ der Konflikt zweier Gesellschaftsklassen und Ideologien direkt zur strukturellen Grundlage des Werkes geworden” [3. S. 269]. In diesem Sinne wurde Turgenjew auch in der “Geschichte der klassischen russischen Literatur” von 1965 und in der zweibändigen “Geschichte der russischen Literatur von den Anfängen bis 1917” von 1986 behandelt. “Mein ganzer Roman ist gegen den Adel als führende Klasse gerichtet” - ausgehend von dieser Aussage aus einem Brief Turgenjews an Konstantin Slutschewski vom 14. April 1862 [3. S. 271] wurde das Werk auf vereinfachte Weise ideologisch gedeutet als Bestätigung für die Notwendigkeit der Oktoberrevolution. Das schien im Einklang mit einer Bemerkung Turgenjews über Basarow zu stehen: “Wenn er sich Nihilist nennt, dann muss man Revolutionär lesen” [1. S. 430]. Sicher, der Schriftsteller sah in seiner Zeit in dieser Gestalt von etwas Neuem, zu dem er indes ein durchaus widersprüchliches Verhältnis hatte. Dieses Widersprüchliche wurde in den gängigen Interpretationen der DDR-Literaturwissenschaft allerdings getilgt. Und mehr als das: Der Roman von 1861 wurde zur sozialistischen Erziehung missbraucht. Wie viele große literarische Werke wurden auf diese Weise vereinfacht - und potenziellen Lesern ferngerückt. Basarow, dieser “Revolutionär” sollte mir Vorbild sein? So, wie mir der Roman während meines Studiums in den 1960er Jahren vermittelt wurde, wuchs in mir Widerstand. Basarow war mir unsympathisch, alles andere als eine leuchtende Gestalt, die das Neue verkörpert. Zudem störte mich das Apodiktische, das Abstrakte der Deutung. Wie ein vielschichtiger Roman auf einen einfachen gesellschaftspolitischen Nenner gebracht wurde, darin steckte im Grunde eine Ermächtigung, die nicht nur Literarisches meinte. So wie Basarow von Arkadis Vater sagte, seine “Messen” seien “gesungen”, so wie eine Revolution eben mit allem umspringt, was nicht das Neue verkörpert. “Die Auflehnung gegen die Vätergeneration ist so alt wie die Menschheit”, schreibt Ganna-Maria Braungardt in ihrem klugen Nachwort. “Ohne die Rebellion der Jugend gibt es keine Veränderung; so unabdingbar die Bewegung der 68er für die politische Entwicklung der Gesellschaft war, so zwangsläufig sind heute Kapitalismusund Globalisierungskritik” [4. S. 291]. Stimmt - solange ein selbstgefällig-rücksichtsloser Basarow nicht an die Hebel der Macht gelangt. Dabei ist Basarow nur ein Teil dessen, was Turgenjew in seinem 1861/62 entstandenen Roman angesichts gesellschaftlicher Konflikte bewegte. Die Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 - er führt es in lebendigen Szenen vor Augen - hatte dem Konflikt nur die Spitze abgebrochen. Die Bauern mussten das Land den Gutsbesitzern abkaufen und sich verschulden. Nikolai Kirsanow beschwert sich bitter, dass sie den Zins nicht zahlen, und beschäftigt lieber Tagelöhner als “Freigelassene”. Aber auch mit ihnen gab es Ärger. Die einen verlangten sofortige Auszahlung oder eine Lohnerhöhung, andere gingen mit ihrem Vorschuss auf und davon. Die Arbeit wurde nachlässig erledigt. Mehr Produktivität in der Landwirtschaft - das würde für Russland noch lange ein Problem bleiben. Zugleich kommt einem durchaus Heutiges in den Sinn: die Ablehnung entfremdeter Arbeit. Wie genau Turgenjew, aus der Beobachtung, das Problematische kapitalistischer Produktionsweise erfasst! Warum soll der Lohnarbeiter, oft schlecht bezahlt, für etwas Verantwortung übernehmen, das ihm nicht gehört. Maßlosigkeit im Verfolgen eigener Interessen auf Seiten der Besitzenden zerstört jeden Gemeinsinn. Und auch daran muss man denken: Wer von den Bauern sich damals als Eigentümer verhielt und zu einigem Wohlstand kam, den traf später die Verfolgung der Kulaken. Basarow ein Kämpfer für die Unterdrückten? Mitnichten! Die Bauern sind ihm doch fremd. Zwar führt er gern das Wort “Volk” im Munde, wobei er die Illusionen der sich damals formierenden “Volkstümler” bezüglich der “Dorfgemeinschaft” sogar ablehnt, aber das bezieht sich lediglich auf seine erhoffte Gefolgschaft. Er sieht sich als Führernatur. Wenn er von einem “Wir” spricht, meint er die eigene neu entstandene Gesellschaftsschicht der “Rasnotschinzen”: jene Intellektuellen, die nicht dem Adel entstammten, sich in Konkurrenz zu diesem wussten und logischerweise das ganze feudale System ablehnten. Dabei kommt er gar nicht mal aus so armen Verhältnissen. Seine Eltern besitzen ein Gut, wenn auch ein kleineres als die Kirsanows. Sein Vater war “nur” ein Stabsarzt gewesen. Standesunterschiede - versteckt existieren sie bis heute. Damals wurden sie offen ausgelebt. Man kann sich gut vorstellen, wie sich Basarow gegen die Etablierteren wehrte mit Trotz und Zorn. Gute Manieren? Gerade nicht! Mit eurer ganzen Kultur könnt ihr zum Teufel gehen! Mit euren überlebten Traditionen! Ein aufstrebender, wissensbegeisterter jungen Mann, der hinter seiner Schroffheit Unsicherheit, ja Verletzlichkeit verbirgt. Der bald tatsächlich verletzt wird, weil er eine Frau begehrt, die ihm so ähnlich ist, dass sie sich ebenso vor Gefühlen fürchtet. Und der sterbend in einer großen romantischen Szene von dieser Anna Abschied nimmt, obwohl er stets vorgab, jedes Sentiment zu verachten. Geschah es vielleicht gar aus Verachtung seiner selbst, dass er sich beim Sezieren einer Leiche infizierte und an Fleckfieber (auch Flecktyphus genannt, nicht an Typhus, wie es in allen Übersetzungen heißt) starb? Unvergesslich die Szene am Schluss, als seine gebrechlichen Eltern den Staub von seinem Grabstein wischen und die Zweige der Tannen richten. “Sind ihre Gebete, ihre Tränen etwa nutzlos?”, fragt Turgenjew [4. S. 282]. Wenn er dem russischen Adel auch eine historische Perspektive absprach, so kann er sein Herz doch nicht an diesen kaltherzigen Nihilisten hängen. Mag er ihn auch als Revolutionär bezeichnen, er fürchtete ihn. Zu Recht: Der gesellschaftliche Umsturz, den er nicht mehr erlebte, wäre nicht zu seinen Gunsten erfolgt. Nikolai Kirsanow, der zu Beginn des Buches fünf Stunden lang auf der Straße den Wagen seines Sohnes erwartet hatte, darf ihn am Ende bei sich behalten und wird vielleicht sogar Enkel haben. Denn Arkadi hat Annas Schwester, die kluge, feinsinnige und selbstbewusste Katja, geheiratet. Wie aber mag es deren Kindern wohl später ergehen? Wie viele Gedanken einem beim erneuten Lesen durch den Kopf gehen, ist ein Beweis für die Größe, die Vielschichtigkeit dieses Romans. Die Bemerkung von Ganna-Maria Braungardt, dass Auflehnung gegen die Vätergeneration die Menschheit seit jeher begleitete, stimmt nicht für alle Zeiten und Orte. Wenn es vornehmlich auf Stabilität ankommt, werden Traditionen hochgehalten, haben die Alten das Sagen. Je dynamischer eine Gesellschaft sich entwickelt, umso mehr werden die Älteren mit ihren Erfahrungen in den Hintergrund gedrängt. Wie wir es auch jetzt erleben: Mit dem Ruf nach Neuem gewinnt Jugendlichkeit zunehmend Eigenwert. Weil sich alles so rasant verändert, wird jungen Leuten bereitwilliger als früher zugestanden, dass sie andere Ziele, andere Werte haben. Die Konflikte aber werden dadurch nicht kleiner. Denn so wie Basarow auftrumpft, andere brüskiert, sie geradezu zum Nichts werden lässt, so ist es in den Konkurrenzgesellschaften des Westens üblich geworden, dass junge Leute ihre Ellenbogen gebrauchen, ohne Anstand, ohne Rücksicht. Dabei ist er doch bloß ein Aufsteiger, der selbst zu Bedeutung gelangen möchte, indem er andere verdrängt, ein Besserwisser, der vorgibt, die Lösung für alle Probleme in der Tasche zu haben. Solche Leute gab es immer. Doch je unsicherer die gesellschaftliche Situation, desto größeren Zulauf finden sie bei Menschen, die sich durch einfache Antworten Sicherheit erhoffen. Die vielfältigen Formen von Fanatismus in der heutigen Welt sind da nur die Spitze des Eisbergs. Der Unwille, andere mit ihren Erfahrungen und Meinungen zu akzeptieren, ist, zumindest in der deutschen Öffentlichkeit inzwischen schon so stark verbreitet, dass fruchtbare Auseinandersetzungen immer weniger möglich sind. Verbissen, unversöhnlich werden Positionen behauptet, wird Verständigung abgelehnt. Da ist kein Aufbruch spürbar, die Situation ist festgefahren. Sehr verehrter Herr Turgenjew, Sie werden es kaum glauben: Ich kenne solche Basarows. Auch heute gibt es solche “Nihilisten”, die jegliche Traditionen und Werte verlachen, weil sie an nichts mehr glauben können. Sie sprechen aus einer völlig anderen Situation, liebe Dame. In Russland zu meiner Zeit sind Reformen allzu lange hinausgezögert worden, deshalb wurde ein radikaler Neuanfang nötig. Die Krise in Ihrem Land ist eine andere… Aber die Art, wie Sie mit Basarow umgegangen sind, sehr verehrter Herr Turgenjew, das hat nicht nur menschliche Weisheit, darin steckt auch ein Rat, der überhaupt das Verhältnis gegenüber Dogmatikern betrifft. Sie haben dieser Gestalt, diesem Menschen, der ihnen nicht sehr sympathisch war, sogar eine gewisse Größe gegeben, obwohl er für Sie Bedrohliches barg. Mehr noch: Meinen Widersacher lud ich ein, sich mit mir auseinanderzusetzen. Weil ich etwas verstehen wollte und weil es generell nichts bringt, fremden Ausrufezeichen mit eigenen Ausrufezeichen zu begegnen. Ausrufezeichen, was meinen Sie damit? Kampfansagen, sie sich irgendwann sogar in Gewalt entladen können. Mein Rat: Was Ihnen feindselig ist, sollten Sie zu verstehen suchen. Einfühlung in die Lage des anderen und klare Gedanken, statt empörter Gefühle - opfern Sie einem fruchtlosen Streit nicht ihre Lebendigkeit. Was für die eigene Seele wichtig ist, dient auch der Gesellschaft im Ganzen.

Guchke Irmtraud

Email: irmtraud.gutschke@googlemail.com

  • Düwel W. Geschichte der klassischen russischen Literatur. Berlin und Weimar, Aufbau Verlag, 1965.
  • Düwel W., Grasshoff H. Geschichte der russischen Literatur von den Anfängen bis 1917. Berlin und Weimar, Aufbau Verlag, 1986.
  • Turgenew I. Väter und Söhne. Übersetzung Werner Bergengruen. Leipzig und Weimar, Gustav Kiepenheuer Verlag, 1985.
  • Turgenjew I.: Väter und Söhne. Neu übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort von GannaMaria Braungardt. München, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2018.

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