The Moscow housing problem of 1920s in the stories and feuilletons of Mikhail Bulgakov

Cover Page

Abstract


At the beginning of the 1920s Moscow was in the middle of a housing crisis: after the revolution the housing resources in Moscow have decreased, while the population has increased. The housing shortage has become the sign of decade and has been treated therefore in many satirical magazines by Sergei Garin, Mikhail Zoshchenko, Pantelejmon Romanov and other satirists. Mikhail Bulgakov, who went through this crisis himself, also belonged to these satirists. The present article deals with Bulgakovs feuilletons and stories which treat the housing question in Moscow. The analysis includes following stories and feuilletons: “Vospominanie”, “Stolitsa v bloknote”, “Ploshchad’ na kolesakh”, “Moskva 20-kh godov”, “Moskovskie stseny”, “Samogonnoe ozero”, “Nr. 13 — Dom Ėlpit-Rabkommuna”.


Die Wohnungskrise war eines der Hauptprobleme in Moskau in den 1920er Jahren. Der Wohnungsmangel ist wegen “des starken Zustroms von ländlichen Arbeiterkräften in die Industriestädte einerseits und infrastruktureller Veränderungen anderseits” entstanden, “der daraus resultierende Wohnungsmangel wurde zum sozialen Problem” [1. S. 39]. Selbst das Feuilleton Ploshchad’ na kolesakh (1924) beginnt mit den Sätzen: «Ну и город Москва, я вам доложу. Квартир нет. Нету, горе мое!» [2. S. 426]. Dieses Feuilleton ist ein Tagebuch des “genialen Menschen” Polosukhin, in dem er seine Wohnungssuche in Moskau beschreibt. Als er nach Moskau kam, hat er zuerst drei Nächte bei einem Bekannten in der Badewanne übernachtet, dann zwei Nächte bei einem anderen Bekannten auf dem Gasherd. Daraufhin hat er sich Fahrkarten für die Straßenbahnlinie A gekauft, ist rundherum damit gefahren und übernachtete schließlich im Depot, die folgenden Nächte sogar in der Straßenbahn selbst. Mit diesem Feuilleton wollte Bulgakov den Lesern zeigen, dass bei der Wohnungssuche Geld oft nicht das Hauptproblem war. So konnte Polosuchin jeden Tag das ganze Fahrkartenheft abkaufen, um in der Straßenbahn leben zu können. Er lud seine Familie dorthin ein und behauptete, dass solche Unterkünfte noch besser seien: «Плиту поставил. Ездим, дай Бог каждому такую квартиру!» [2. S. 427]. Sein Bekannter Purtsman, der sich in der Straßenbahn Nr. 27 unterbrachte, hat sogar Teppiche ausgebreitet und Bilder von bekannten Malern aufgehängt. Bulgakovs Übertreibung spitzt sich zum Ende des Feuilletons zu, als die Zentralkommission auftaucht, alle Bewohner aus der Straßenbahn aussiedelt und dort ein Milizrevier und eine Schule einrichtet: «Центральная жилищная комиссия явилась. Ахнули. А мы-то, говорят, всю Москву изрыли, искали жилищную площадь. А она тут… Всех выпирают. Учреждения всаживают. Дали 3-дневный срок. В моем вагоне участок милиции поместится. К Пурцману школа I ступени имени Луначарского» [2. S. 428]. Daraus lässt sich schließen, dass es nicht einmal Räume für Behörden gab, ganz zu schweigen von Wohnräumen für die Bevölkerung. Die Wohnungsfrage war für sowjetische Bürger von größter Bedeutung, so dass sich danach ihr ganzes Leben richtete: Die Menschen zogen nach Norden um, um eine Wohnung außerhalb der Warteliste zu erhalten; schlossen Scheinehen, um sich in Moskau anzumelden; bekamen Kinder, um flächenmäßig eine größere Wohnung zu bekommen [3. S. 225]. Das Feuilleton Moskva 20-kh godov (1924) beschreibt, wie die Moskauer Wohnungskrise das Leben der Bürger auf radikale Weise verändert hat. Es besteht aus Geschichten Moskauer Bürger, die der Wohnungskrise begegnet sind: von einem Mann, der überlegt zu heiraten, um die Wohnung behalten zu dürfen, bis hin zu einem Mann, der ledig bleibt, um aus der Wohnung nicht ausgesiedelt zu werden. Somit schrieb die Wohnungskrise den Menschen ihre Bedingungen vor. Das Leben war vollständig von der Wohnungsfrage abhängig. In dem zweiten Teil O khoroshej zhizni beschreibt Bulgakov die Ereignisse der 1921- 1922 Jahre, als die Behörde Centrozhil gerichtlich verurteilt wurde, weil sie in den Zuweisungsscheinen flächenmäßig bestimmte Zimmer willkürlich vergeben hat. Danach wurde Centrozhil aufgelöst. Einige Menschen konnten ihre Zimmer aber behalten. Sie nennt Bulgakov “Menschen, die fein leben” [4. S. 86]. Bemerkenswert ist, dass Bulgakovs Leitsatz zur Wohnungskrise in den 1920er Jahren “Es gibt keine Wohnungen in Moskau!”, auch in diesem Feuilleton zu lesen ist: «Теперь, в дополнение к этому, сообщаю всем, проживающим в Берлине, Париже, Лондоне и прочих местах, - квартир в Москве нету. Как же там живут? А вот так-с и живут. Без квартир» [2. S. 437]. Das Thema des Wohnungsmangels wird auch im zweiten Kapitel Gnilaja intelegencija des Feuilletons Stolica v bloknote (1922) angerissen. Es beschreibt die finstere Lebenslage eines Akademikers, der gerade eben das medizinische Studium absolviert hat. Nach fünf Monaten des “Existenzkampfes” erzählt der Arzt, dass er in einer Lastträgerkolonne arbeitet und sich in einer Klinik noch nebenbei mit Röntgen beschäftigt. Was die Wohnung angeht, so wohnt er in einem Zimmer, das er zufällig mithilfe einer Schauspielerin bekommen hat. Sie hat ihre Beziehungen spielen lassen, um es für den Arzt zu besorgen. Die Problematik, dass bei der Wohnungsfrage Beziehungen eine große Rolle spielten, wird auch in der Erzählung Vospominanie (1924) behandelt. Darin beschreibt Bulgakov ein sich tatsächlich zugetragenes Ereignis, und zwar seine Wohnungssuche nach der Ankunft in Moskau im Jahre 1921. Um eine Bleibe zu bekommen, musste man sich bei einer Wohnbehörde anmelden. Wie immer, musste man zuerst eine lange Warteschlange ausstehen, um zu dem zuständigen Sachbearbeiter zu gelangen. Danach wurde man auf eine Warteliste gesetzt und nach Ablauf einer bestimmten Zeit, bekam man dann Wohnraum, was für die 1920er Jahre typisch war: «Я отправился в жилотдел и простоял в очереди 6 часов. В начале седьмого часа я в хвосте людей, подобных мне, вошел в кабинет, где мне сказали, что я могу получить комнату через два месяца» [2. S. 379]. Diese Geschichte erinnert stark an die Geschichte von Polosukhin aus dem oben analysierten Feuilleton Ploshchad’ na kolesakh. Genauso hat Bulgakov die ersten fünf Nächte bei Bekannten verbracht. Die sechste Nacht verbrachte er in einem Boulevard, nach der er beabsichtigte, nach Kiew zurückzukehren. Auf dem Bahnhof ist ihm sein Freund begegnet, der ihm einen Platz im Zimmer anbot. Es ging um das Zimmer 50 in der Wohnung Nr. 10 in der Bolshaja Sadovaja Straße, in der damals Andrej Michajlovich Zemskij wohnte [6. S. 729]. Nachdem Bulgakov das Zimmer fand, stieß er auf ein weiteres, für die damalige Zeit typisches, Wohnungsproblem: die Meldepflicht. Jeder Bewohner sollte sich beim sogenannten “Upravdom” (deutsch: Hausverwaltung) anmelden, der sowohl für die Anmeldung, als auch für die Verteilung von Wohnungsflächen im jeweiligen Haus zuständig war. Die Verwaltungsmitglieder wurden in der Regel von den Hausbewohnern selbst gewählt [1. S. 41]. Der Vorsitzende der Hausverwaltung hat aber Bulgakovs Anmeldung abgelehnt, ohne irgendeinen Grund zu nennen. Er hatte sechs Tage um auszuziehen. Die Lage hat sich für ihn erst dann zum Positiven gewandt, als er Krupskaja geschrieben hat [7. S. 167]. Im Feuilleton wird aber die Wirklichkeit anders dargestellt, nämlich dass Bulgakov selbst zu Krupskaja hingegangen war. Obwohl Bulgakov diese ersten Probleme überwunden hat, war er mit dem Zimmer und mit dem Haus generell unzufrieden. Er wollte sich eine andere Unterkunft finden, was aber unmöglich war. Seine Bedenken erörtert er im oben analysierten Feuilleton Moskva 20-kh godov: «Я, граждане, человек замечательный […]. Труд-книжку в три дня добыл, всего лишь три раза по 6 часов в очереди стоял, а не по 6 месяцев, как всякие растяпы. На службу пять раз поступал, словом, все преодолел, а квартирку, простите, осилить не мог. Ни в три комнаты, ни в две и даже ни в одну. И как сел в знаменитом соседстве с Василием Ивановичем, так и застрял» [2. S. 443]. In dem Feuilleton Moskva 20-kh godov geht Bulgakov noch das Thema des Zustands der Wohnungen in Moskau an. Soschreibter: «[…] последние три года в Москве убедили меня, и совершенно определенно, в том, что москвичи утратили и самое понятие слова «квартира» и словом этим наивно называют что попало» [2. S. 437]. Als “Wohnung” bezeichneten die Moskauer alles, wo man sich unterbringen lassen konnte, obwohl es mit der Wohnung im herkömmlichen Sinne nichts zu tun gehabt hat. Als Beispiel führt der Autor einen schachtartigen Raum an, der noch in fünf weiten Räumen unterteilt ist, die “nichts anderes waren als große längliche Hutschachteln” [4. 1. 78]. Als “Wohnung” wird unter anderem eine Telefonzelle bezeichnet, in der drei Personen sieben Monate lang lebten. Sogar ein ehemaliges Gebäude der Chemie-Fabrik wurde in Zimmer unterteilt und an die Menschen vermietet. Auch der Zustand der richtigen Wohngebäude ließ zu wünschen übrig. Die Aufzüge sind nur für Menschen mit dem Ausweis “Herzkrank” vorgesehen gewesen, waren aber immer außer Betrieb, da es Niemanden gab, der sie reparieren könnte. Die Häuser wurden nie aufgeräumt. So wird z.B. eines davon beschrieben: «На лестнице без перил были разлиты щи, и поперек лестницы висел обрезанный, толстый, как уж, кабель» [2. S. 437]. Obwohl Renovierungsarbeiten durchgeführt worden sind, haben sie oft nicht viel gebracht: «Кресло отъехало в сторону, и в огромнейшей лохматой дыре, аршин в диаметре, оказался купол соседней церкви на голубом фоне неба» [2. S. 442]. Wie der Mieter weiter erklärt, erschien dieses Loch erst nach der Renovierung. Obwohl diese Stelle übertrieben zu sein scheint, wird eindeutig klar, dass Renovierungsarbeiten nicht gewissenhaft durchgeführt wurden. So stellte Bulgakov den Zustand der Wohnungen im Jahre 1924 vor. Zwei Jahre zuvor, sah er den massenweise beginnenden Renovierungsarbeiten noch als positiv, hoffnungsvoll und vielversprechend entgegen. Dies wird im ersten Kapitel Bog remont des oben erwähnten Feuilletons Stolitsa v bloknote behandelt. Wie er beschreibt, gab es in Moskau im Jahre 1922 eine Vielzahl von “Spezialisten” für Renovierungen, so dass jeder Passant mindestens einmal mit Farbe beschmiert wurde. So schrieb er: «Этот сезон подновляли, штукатурили, подклеивали. На будущий сезон, я верю, будут строить. […] Будут строить, не смотря ни начто» [2. S. 251-252]. Warum der Wohnungszustand sich verschlechterte, kann am Beispiel der Erzählung Nr. 13 - Dom Ėl’pit-Rabkommuna (1922) erklärt werden. Das Haus Nr. 13 war bis zur Revolution ein Miethaus, das im Eigentum eines Mannes mit dem Familiennamen Ėlpit stand. Darin wohnten reiche und angesehene Menschen. Nach der Revolution widmete man das Miethaus in eine “Rabkommuna” (deutsch: Arbeitskommune) um und es wird von den neuen Bewohnern, den Arbeitern, umgestaltet: auf den Treppenabsätzen gehen die Lampen verloren, die Aufzüge funktionieren nicht mehr, in den Wohnungen wird das Parkett verbrannt und überall in den Fluren wurden Unterhosen zum Trocknen aufgehängt. Als Prototyp des Hauses dient das oben erwähnte Haus in der Bol’shaja Sadovaja Straße 10, wo der Autor selbst von 1921 bis 1924 gewohnt hat. Dieses Haus war das erste in Moskau, das zu einer Arbeitskommune umgewidmet und dessen Verwaltung in die Hände der Bewohner übergeben wurde [6. S. 717]. Zu den Wohnprojekten der 1920er Jahren gehörte der sogenannte “zhilishchnyj peredel” (deutsch: Wohnraumumbau). Nach der bolschewistischen Machtübernahme wurde das Eigentumsrecht abgeschafft. Der Staat hatte das Recht, Wohnungen zu verwalten und sie nach dem Motto “Dvortsy rabochim!” (deutsch: “die Schlösse - den Arbeitern!”) zu verteilen [3. S. 226]. Somit begann das sogenannte “Uplotnenie” (deutsch: Wohnraumverkleinerung, wörtlich: Verdichtung). Die Wohnungsgesellschaft bekam das Recht, die Menschen in eine unterbelegte Wohnung einzuquartieren. Unter einer unterbelegten Wohnung verstand man eine solche, in der auf jeden dort lebenden Bewohner mehr als sechszehn Quadrat-Arschin fielen (9 Quadratmeter) [8. S. 92]. Nach der Einführung dieser Normen traten unter anderem solche Termini wie “izlishki” (deutsch: Überschüsse) und “lishnie metry” (deutsch: überschüssige Meter) auf. Hatte man überschüssige Wohnfläche, gab es aber zunächst die Möglichkeit, sich innerhalb von zwei Wochen selbst Mitbewohner zu finden. Diesen Prozess bezeichnete man als “Samouplotnenie” (wörtlich: Selbstverdichtung). Dieses Problem und das Verfahren, wie die Wohnraumverkleinerung verlief, beschreibt Bulgakov in seinem Feuilleton Moskovskie tsceny (1923) mit dem Untertitel Na peredovykh pozitsijakh. Darin sind ebenfalls autobiographische Motive enthalten. Im August 1924 ist Bulgakovs Familie aus der Wohnung Nr. 50 in die Wohnung Nr. 34 desselben Hauses umgezogen. Der Bewohner der Wohnung war Artur Manasevich, ein Millionär, der sich nach dem Tod seines Bruders entschied, selbst neue Mitbewohner im Rahmen des sogenannten „Samouplotnenie“ zu suchen. Manasevich hat das Zimmer Bulgakovs Familie vorgeschlagen, da er sie für ruhige und intelligente Menschen hielt [7. S. 291]. Als Prototypen des Feuilletons Moskovskie stseny dienten aber der ehemalige Rechtsanwalt Vladimir Komorskij und seine Frau Zinaida Vasil’evna, mit denen Bulgakov befreundet war [6. S. 719]. Im Feuilleton geht es genauso um einen ehemaligen Rechtsanwalt, der der Wohnraumverkleinerung und der Besteuerung zu entgehen versucht. Bulgakov beschreibt ihn als einen “der gescheitesten Männer in Moskau, wenn nicht [den] gescheitesten” [4. S. 8]. Im Gegensatz zu dem oben erwähnten Bekannten Polosukhins, der nach der Einführung des Verfahrens der Wohnraumverkleinerung seine Wohnung aufgab, hatte der Protagonist dieses Feuilletons vor, sich in seiner 6-ZimmerWohnung zu “vergraben”. Dafür verunstaltete er die Wände und baute eine Art Lehmsarg im Esszimmer auf. Die ganze Bibliothek hat er mit Mehlsäcke gefüllt, die Tür versperrt und obendrauf einen Teppich hingehängt. Vor dem Teppich stellte er ein Regal mit Flaschen und alten Zeitungen auf, so dass das Zimmer ganz verschwunden war. In zwei anderen Zimmern hat er seinen Cousin und die Witwe Zinaida Ivanovna untergebracht. Ein weiteres Zimmer durfte er komplett selbst bewohnen, weil er ein ärztliches Attest über einen angeblichen Herzfehler vorlegen konnte. Die zwei übrigen Zimmer (Wohnzimmer und Büro) baute er in ein Zimmer um, wo er das Klavier, eine Reihe von Regalen und das Bett seines Zimmermädchens aufstellte. Die sperrigen Sachen wie Klavier und Regale hat er beschriftet und gekennzeichnet, damit sie nicht weggeräumt werden konnten. So hat er z.B. auf das Klavier Zinaida Ivanovnas Ausweis hingehängt, der sie als eine Musiklehrerin auswies, und das Musikinstrument somit gebraucht wurde. Alle Luxusgegenstände sind natürlich versteckt worden. Das wichtigste dabei war, dass der Besitzer der Wohnung alle Mitbewohner als Angestellte angemeldet hat, um die Wohnungsfläche für jeden behalten zu dürfen. Drei Jahre lang, jeden Tag, kam die Hausverwaltung bei ihm vorbei, weil die Kontrolle der Wohnfläche jedes Mal keine unzulässigen Abweichungen ergab. Doch eines Tages bekam “der gescheiteste Mann” Moskaus einen Anruf, worin er erfuhr, dass er doch besteuert wird, da einem von der Hausverwaltung ein Fehler unterlief und alle Mitbewohner als Nicht-Angestellte angemeldet wurden. Solche Geschichten fanden in der Tat durchgängig statt. Laut Gerasimova, wurden Menschen wie der Hausherr als „byvshie ljudi“ (deutsch: ehemalige Menschen) bezeichnet [3. S. 230]. Um ihre Wohnungen zu sichern, dachten sie sich tatsächlich nicht existierende Mitbewohner aus, oder meldeten ihre Verwandten und Bekannten bei sich an. Wenn die Wohnraumverkleinerung unvermeidlich war, suchten sie sich Vertreter ihres sozialen Umfeldes. In Bulgakovs Moskovskie stseny wird das negative Verhältnis zu den Menschen aufgezeigt, die zu Zeiten der Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) vorankamen. Bulgakov zeigt, dass er die Versuche, die Hausverwaltung zu betrügen, für sinnlos hält. Zudem scheint es so, dass Bulgakov solche Handlungen auch als unfair empfindet und sich wünscht, dass diese Menschen bestraft werden. Bulgakovs Einstellung gegenüber diesen Menschen kann dadurch erklärt werden, dass er selbst in den 1920er Jahren nicht zu einer solchen sozialen Schicht gehörte, denn er, wie oben bereits beschrieben, hatte Probleme mit der Unterkunft und war teilweise unterernährt. Bulgakov schrieb in seinem Tagebuch: “Ich und meine Frau hungern uns durch. […] Es ist die schwärzeste Periode meines Lebens” [7. S. 178]. Während der Hausherr und seine Gäste aus dem Feuilleton Moskovskie sceny das Essen in Hülle und Fülle auf dem Tisch stehen hatten und sich den Mund mit gestärkten Servietten abputzten, erinnerte sich Tatjana Lappa, Bulgakovs Frau, wie es auch schon mal vorkam, dass sie drei Tage kein Essen zu sich nahm und an akutem Blutmangel litt [7. S. 178]. Bulgakov verheimlichte es nicht, dass er solche vorankommenden Menschen beneidete. Denn er erlebte selbst und war über diese Tatsache zugleich empört, dass die Wohnflächen ungleichmäßig verteilt wurden. Im Feuilleton Moskva 20-khgodov schreibter: «[…] в 1921 году, въехав в Москву, и в следующие года 1922 и 1923-й, страдал я, граждане, завистью в острой форме. […] Сидел и терзался завистью. Ибо видел неравномерное распределение благ квартирных» [2. S. 443]. Die kommunale Wohnung ist zum Merkmal der Sowjetunion geworden. Gerasimova betont, dass das kommunale Leben zum Teil des sowjetischen Alltags wurde und den anderen Ländern nicht bekannt ist [3. S. 226]. Die Besonderheiten des Kommunallebens schildert das Feuilleton Samogonnoe ozero (1923). Es handelt über die schon mehrmals erwähnte Wohnung Nr. 50 in dem Haus in der Bolshaja Sadovaja Straße 10. Die Erzählung deckt das Hauptproblem des Kommunalalltags auf: das Trinken. Ständiges Schreien und Prügeln der betrunkenen Nachbarn störten das Leben des jungen Journalisten (in dem Bulgakov selbst leicht zu erkennen ist) und seiner Frau. Jegliche Versuche, die Wohnsituation durch Absprache mit anderen Mitbewohnern zu verbessern, endeten wie immer mit der Äußerung: “Wenn es hier wem nicht gefällt, soll er dahin gehen, wo die Gebildeten wohnen” [4. S. 17]. Beschwerden bei der Hausverwaltung haben auch nichts gebracht, da die Sachbearbeiter selber Alkoholiker waren. Das Feuilleton endet mit einer Schlussbemerkung, in der Bulgakov nur einen Ausweg sieht: die “Trockenlegung” Moskaus. Die Alkoholiker müssten sofort verhaftet werden, binnen 24 Stunden müsse die Gerichtverhandlung stattfinden und die Verurteilungen dürfen keiner Bewährung unterliegen. Außerdem solle nur noch leichter Rotund Weißwein bis 24 Uhr verkauft werden. Ein weiteres dringliches Problem im Leben der Moskauer war die Beheizung. Bulgakov schreibt in seinem Tagesbuch: “Starker Frost. Die Heizung funktioniert, jedoch nur sehr schlecht. Und nachts ist es kalt” [7. S. 177]. Auf dieses Problem nimmt die schon oben erwähnte Erzählung Nr. 13 - Dom Ėl’pit-Rabkommuna Bezug, in der einfrüher von reichen Menschen bewohntes Haus beschrieben ist. Nunmehr war es überwiegend von Bauern und Alkoholikern bewohnt. Wegen mangelndem Sachverstand der neuen Bewohner im Umgang mit den kleinen Öfen, geht das Haus schließlich in Flammen auf. In dem was passiert ist, beschuldigt Bulgakov die unvernünftigen, neu angesiedelten Arbeiter. Der Brand ist laut Levshin nicht ausgedacht, obwohl die Beschreibung des Brandes grotesk und übertrieben wirkt [7. S. 166]. Das bemerkenswerte an Bulgakovs Feuilletons und Erzählungen ist, dass sie alle autobiographische Motive haben, und dass alle handelnden Personen aus seinem Leben stammen. Das sind seine Bekannten Ivan Kreshkov, der ehemalige Rechtsanwalt Vladimir Komorskij und seine Frau Zinaida Vasil’evna, die in zwei Feuilletons erwähnt wurde, die Witwe Gorjasheva, die als alte Pavlovna und als Annushka Piljaeva vorkommt, ihr Sohn Mishka und ein Journalist, in dem Bulgakov selbst wiederzuerkennen ist. Somit hat Bulgakov die die Wohnungsfrage in Moskau betreffenden Alltagsprobleme aus seinem Leben und dem Leben seiner Bekannten in seinen Werken verarbeitet.

Anna Mikhaylovski

University of Wuerzburg

Author for correspondence.
Email: anna.michailowski@uni-wuerzburg.de
Am Hubland, 97074, Würzburg, Germany

PhD Candidate, Institute of Slavic Studies at the University of Wuerzburg, Germany

  • Wielspütz, Michael. “Haus Nr. 13” von M. A. Bulgakov (Wohnprobleme der 20er Jahre in der Sowjetunion) [“House NR. 13” of Mikhail Bulgakov (Living problems of 1920s in the Soviet Union)]. In: Beatrice Haas, editor. Michael A. Bulgakovs Prose. Vol. 1. Hamburg: Helmut Buske, 1981. P. 37-59. (In Germ.)
  • Bulgakov, Mikhail. Collected works in 5 volumes. Vol. 2. Editor: Gennadij Goc. Moscow: Khudozhestvennaja Literatura, 1989. (In Russ.)
  • Gerasimova, E.Ju. Soviet communal apartment. Sotsiologicheskij zhurnal. 1998; 1(2): 224-243. (In Russ.)
  • Bulgakov, Mikhail. Gesammelte Werke [Collected Works]. Vol. 7. Editor: Ralf Schröder. Berlin: Volk und Welt, 1995. (In Germ.)
  • Sokolov, Boris. Encyclopedia of Bulgakov. Moscow: Lokid, 1998. (In Russ.)
  • Fialkovaja, L.L. Comments. Stories and feuilletons. In: Gennadij Gos, editor. Collected Works of Mikhail Bulgakov. Vol. 2. Moscow: Khudozhestvennaja Literatura, 1989. P. 704-735. (In Russ.)
  • Chudakova, Mariétta. Biography of Mikhail Bulgakov. Moscow: Kniga, 1988. (In Russ.)
  • Lebina, Natalija. Soviet everyday life. Norms and deviations: from the war communism to the big style. Moscow: Novoe literaturnoe obozrenie, 2015. (In Russ.)

Views

Abstract - 163

PDF (Deutsch) - 102

PlumX


Copyright (c) 2018 Mikhaylovski A.

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.